Ab dem ersten Arbeitstag diskriminiert

Ab dem ersten Arbeitstag diskriminiert
Ab dem ersten Arbeitstag diskriminiert
Anonim

Junge Frauen verdienen schon zu Beginn ihres Berufslebens für die gleiche Arbeit weniger Geld als junge Männer. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Nationalen Forschungsprogramms „Gleichstellung der Geschlechter“.

Gleicher Lohn für gleiche Arbeit: Dieser Grundsatz ist in der Bundesverfassung verankert, aber bei der Umsetzung hinkt er hinterher. Frauen verdienen immer noch deutlich weniger als Männer, selbst bei gleicher Qualifikation, gleich langer Erfahrung und gleichen Aufgaben. Bislang war unbekannt, auf welcher Karrierestufe sich der Gender Pay Gap auftut.Forscher um den Ökonomen Michael Marti vom Berner Forschungs- und Beratungsunternehmen Ecoplan haben nun festgestellt, dass Frauen bereits beim Berufseinstieg schlechter bezahlt werden als Männer.

Die Wissenschaftler analysierten die Daten von rund 6.000 jungen Erwachsenen, die seit dem Jahr 2000 an einer Langzeitstudie zum Übergang von der Schule ins Berufsleben teilgenommen hatten. Sie verglichen die Einstiegsgehälter junger Frauen mit denen junger Männer. In ihrer Analyse untersuchten die Forscher eine Vielzahl von Faktoren, die unterschiedliche Löhne erklären könnten, darunter Schulbildung und Ausbildung sowie Noten in Schul- und Ausbildungszeugnissen. Darüber hinaus berücksichtigten sie auch die Fähigkeiten der jungen Erwachsenen, die den Pisa-Test abgelegt haben, ihren Beruf und Hintergrund, die Größe des Unternehmens und sogar das Wertesystem der jungen Erwachsenen und den sozioökonomischen Status ihrer Eltern.

Tiefere Einstiegslöhne für Frauen Unter Berücksichtigung all dieser Faktoren ergab sich ein unerklärlicher Lohnunterschied von 7 Prozent oder CHF 278 pro Monat zwischen Frauen und Männern."Dieser Betrag müsste zum Einstiegsgeh alt der Frauen hinzugerechnet werden, wenn sie mit den Männern gleichziehen würden", sagt Marti. Er fügt hinzu, dass es höchst unwahrscheinlich ist, dass es andere Faktoren gibt, die in der Analyse nicht berücksichtigt wurden und die das Lohngefälle erklären könnten. "Es scheint, dass das Lohngefälle nur durch Lohndiskriminierung erklärt werden kann."

Männergehälter steigen schneller

Dass das Lohngefälle in Berufen mit einem ausgewogenen Geschlechterverhältnis, also in denen die Geschlechterfrage kein drängendes Anliegen zu sein scheint, besonders groß ist, überraschte die Forscher. Gerade in diesen Branchen scheint es an Bewusstsein für Lohngleichheit zu mangeln. Aber auch in typisch weiblichen und in typisch männlichen Berufen schneiden Frauen schlechter ab. Sie übernehmen häufig – entweder freiwillig oder auftragsbezogen – weniger gut bezahlte Tätigkeiten und Jobs, während für junge Männer in Frauenberufen das Gegenteil gilt: Sie übernehmen besser bezahlte Aufgaben. Die Forscher stellen außerdem fest, dass die Lohnentwicklung für Männer und Frauen unterschiedlich verläuft: Die Gehälter der Männer steigen schneller, was bedeutet, dass sich der Lohnunterschied in den ersten Berufsjahren noch weiter ausdehnt.

Es gibt laut den Forschern viele Gründe für diese Lohndiskriminierung. Es ist nicht auszuschließen, dass sich junge Männer bewusst oder unbewusst für Betriebe entscheiden, in denen höhere Gehälter gezahlt werden, oder dass sie bei Geh altsverhandlungen durchsetzungsfähiger sind. Zudem scheint die frühe Berufswahl im schweizerischen Berufsbildungssystem für junge Frauen nachteilig zu sein; sie entscheiden sich häufig für typische Frauenberufe im Gesundheitswesen oder arbeiten als Friseur oder Florist, wo das Lohnniveau in der Regel niedrig ist. Die Forscher glauben jedoch, dass der Lohnunterschied an sich eher darauf zurückzuführen ist, dass die Arbeitgeber Frauen diskriminieren, also sie weniger fördern und ihnen niedrigere Löhne bieten. Diese Benachteiligung kann damit zusammenhängen, dass Arbeitgeber bewusst oder unbewusst davon ausgehen, dass Frauen wegen der späteren Kinderwunschzeit kürzer im Unternehmen bleiben und deshalb ihre Arbeitszeit reduzieren oder das Unternehmen ganz verlassen.

Mehr Lohntransparenz

Welche Maßnahmen könnten helfen, die beobachtete Lohnungleichheit bei Berufseinsteigern zu beseitigen? Entscheidend seien die Erhöhung der Lohntransparenz und die weitere Sensibilisierung der Arbeitgeber für Lohngleichheit, sagt die Ökonomin Kathrin Bertschy. Doch dabei könne es nicht bleiben: Die Weichen in Richtung Lohngefälle seien bereits bei der Berufsausbildung entscheidend gestellt; diese Entwicklung wird später verstärkt, wenn Familien gegründet werden. Frauen sollten sich bei der Berufswahl nicht so sehr an traditionellen Rollen orientieren, sondern am Bedarf an Fachkräften, sagt Bertschy. Die Berufsberatung muss in diesem Bereich weiter verbessert werden. Zudem wird das „Risiko“einer Erwerbsunterbrechung einseitig von Frauen getragen. Es sind Frauen, die in den Mutterschaftsurlaub gehen und dann den Großteil der Kinderbetreuung und der Hausarbeit übernehmen, auch weil ihre Erwerbstätigkeit vergleichsweise schlechter bezahlt wird. Eine Form der Elternzeit, wie sie in den skandinavischen Ländern existiert, könnte daher nach Ansicht der Forscher ein Weg sein, um Lohnungleichheiten zu verringern: Würde sie eingeführt, müssten Arbeitgeber auch damit rechnen, dass ihre männlichen Angestellten eine Auszeit von der Erwerbstätigkeit nehmen, wenn sie dies getan haben Kinder.

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