Auge um Auge, Zahn um Zahn: Die meisten Rachefeldzüge entstehen innerhalb einer Gruppe

Auge um Auge, Zahn um Zahn: Die meisten Rachefeldzüge entstehen innerhalb einer Gruppe
Auge um Auge, Zahn um Zahn: Die meisten Rachefeldzüge entstehen innerhalb einer Gruppe
Anonim

Alles begann mit einem harmlosen Fußballspiel unter jungen Männern im Nordwesten Albaniens. Nachdem einer der Spieler bei einem anschließenden Streit verletzt worden war, erschossen seine Teammitglieder einen Angehörigen des mutmaßlichen Angreifers. Jetzt trauen sich die männlichen Mitglieder der an der Blutrache beteiligten Familien nicht mehr, ihre Häuser zu verlassen. Solche Rachefeldzüge und Blutfehden finden in vielen Gesellschaften statt und dauern manchmal Jahrzehnte an. Der Schaden für die Beteiligten ist enorm und es fehlt der erkennbare Nutzen, da sich die Beteiligten oft nicht mehr erinnern, was den Streit eigentlich ausgelöst hat. Theoretische Berechnungen zeigen auch, dass Vendettas für die Beteiligten aus evolutionärer Sicht kostspielig sind und sich daher nicht entwickeln sollten.Manfred Milinski und seine Kollegen vom Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie in Plön und der Universität Göttingen haben nun erstmals die Genese der Rache untersucht. Ihre Ergebnisse deuten darauf hin, dass Rachefeldzüge zwischen Mitgliedern einer Gruppe langfristig lebensfähig bleiben können.

Aus evolutionärer Sicht ist die Bestrafung von Fehlverh alten kostspielig: nicht nur für den Bestraften, sondern auch für den Bestrafenden, da er dafür Ressourcen einsetzen muss. Dennoch ist Bestrafung im Tierreich und unter Menschen weit verbreitet, denn sie fördert kooperatives Verh alten unter den Mitgliedern einer Gesellschaft. Aber eine solche Kooperation zu erzwingen, birgt eine Gefahr – der Bestrafte kann zurückschlagen, wenn er die Bestrafung nicht akzeptiert. Auf diese Weise kann aus einem einzigen Racheakt eine Reihe von Racheakten entstehen, die den Beteiligten und letztlich der Gesellschaft insgesamt schaden. Dadurch werden Konfliktlösung und kooperatives Verh alten unmöglich.

Theoretische Studien haben ergeben, dass dyadische Fehden nicht von Dauer sind. Bei Konflikten zwischen zwei Personen treten sie nicht auf, weil die vernünftigste Reaktion auf unkooperatives Verh alten darin besteht, sich selbst unkooperativ zu verh alten, anstatt die andere Person zu bestrafen. Der Theorie zufolge ist die beste Reaktion auf Bestrafung, sich genauso unkooperativ zu verh alten.

Folglich sollte es zu Vendettas – wenn überhaupt – nur in Konflikten innerhalb einer Gruppe von drei oder mehr Personen kommen. Manfred Milinski und seine Kollegen testeten daher das Verh alten von Subjektgruppen in Public-Good-Games. Während des Experiments musste jeder der vier Spieler entscheiden, welchen Anteil seines anfänglichen Spielkapitals er zum Wohle aller in einen gemeinsamen Pool einzahlen wollte. In aufeinanderfolgenden Runden konnten sie ihre Mitspieler bestrafen, die sich weigerten zu kooperieren, und selbst bestraft werden. Unter diesen Bedingungen bestrafen sich die Spieler gegenseitig, wenn sie zu wenig oder gar kein Geld in den gemeinsamen Pool einzahlen.„Infolge der Bestrafung von Fehlverh alten kam es regelmäßig zu Rachefeldzügen, insbesondere wenn die ursprüngliche Bestrafung ungerecht oder übertrieben war. Trotzdem gelang es den Spielern, die Zusammenarbeit durch den Bestrafungsmechanismus zu verbessern. Einige der Teilnehmer schienen das Risiko zu antizipieren von möglichen Vendettas und verzögerten ihre Bestrafung so lange wie möglich ", erklärte Manfred Milinski vom Max-Planck-Institut in Plön.

Im Gegensatz dazu beobachteten die Forscher fast keine Bestrafung und noch weniger Rachefeldzüge im sogenannten "Prisoner's Dilemma". Bei diesem klassischen Spiel der Verh altensbiologie können zwei Spieler entscheiden, ob sie einen Teil ihres Spielkapitals in den gemeinsamen Pool einzahlen. Beide profitieren dadurch von diesem Pool, aber weniger, wenn sie nicht einzahlen und nur vom Anteil des anderen Spielers profitieren. „Es hängt vom gesellschaftlichen Umfeld ab, ob Strafe einen Nutzen hat und sich Rachefeldzüge entwickeln können“, sagt Katrin Fehl von der Universität Göttingen.„Bei Konflikten zwischen zwei Personen sind die Kosten zu hoch. Während Vendettas mit erheblichen Nachteilen einhergehen, können sie in größeren Gruppen für Gerechtigkeit zwischen den Parteien sorgen. In diesem Fall führt eine strenge Bestrafung normalerweise zu einer strengen Rache“, ergänzt Manfred Milinski, Direktor beim Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie.

Vendettas scheinen also eine soziale Funktion zu haben. Sie regeln die Konfliktbewältigung und können ungerechte oder überzogene Bestrafungen verhindern. Vendettas können auch im Tierreich vorkommen. Japanische Makaken rächen sich nicht direkt an einem Individuum, das sie bestraft hat, sondern an ihren Verwandten. Dadurch mindern sie die Gefahr neuer Rache.

Vendettas entstehen vor allem in Gebieten, in denen höhere Behörden keinen ausreichenden Schutz bieten können, beispielsweise in Regionen, in denen es keine funktionierende Polizei- oder Justizbehörde gibt. So waren Rachefeldzüge und Blutfehden im kommunistischen Albanien nach dem Zweiten Weltkrieg nahezu verschwunden.Erst nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Diktatur 1990 wurden die Menschen wieder vermehrt in solche Auseinandersetzungen verstrickt, da die staatlichen Institutionen zu schwach waren, um Konflikte zu lösen.

Dementsprechend könnte ein funktionierender institutioneller Strafvollzug das Risiko von Rachefeldzügen verringern. Darüber hinaus fördern Polizei und Justiz kooperatives Verh alten in einer Gesellschaft. Außerdem können Fehden verhindert werden, wenn die Sozialpartner regelmäßig wechseln. Die Individuen neigen dann dazu, den Partner, der sich zuvor ungerecht verh alten hatte, zu bestrafen, indem sie sich einen neuen Partner suchen. Urbane Gesellschaften oder solche mit größerer Mobilität sind daher vermutlich weniger anfällig für Rachefeldzüge. Dies zeigt auch das Beispiel Albaniens, wo vor allem im armen ländlichen Norden des Landes das Prinzip der Blutrache praktiziert wird.

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