Warum erobert die Lederhose das Oktoberfest in München?

Warum erobert die Lederhose das Oktoberfest in München?
Warum erobert die Lederhose das Oktoberfest in München?
Anonim

Das Bier ist gezapft und plötzlich scheint die ganze Stadt zu berauschen: Dirndl und Lederhose werden zum immer beliebteren Outfit für den Wiesn-Besuch – nicht nur bei den gebürtigen Münchnern.

Traditionelle Tracht ist beliebter denn je, besonders bei jungen Besuchern. Doch warum sind Dirndl, Lederhosen und Co. gerade jetzt, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, so gefragt? Die europäische Ethnologin Simone Egger untersucht das „Oktoberfest-Tracht-Phänomen“– Menschen, die sich allein zum Oktoberfest in „traditionelle“Tracht kleiden – und sieht darin ein starkes Bedürfnis nach Identität in der Stadtgesellschaft.

„Ich war überrascht, wie eindringlich die Bedeutung der Zugehörigkeit hier rüberkommt“, sagt die Kulturwissenschaftlerin. „Oktoberfest-Tracht an sich gibt es noch gar nicht so lange. Doch umso wichtiger werden Werte wie Heimat und Tradition in Zeiten, in denen Unsicherheit und Flexibilität weltweit zunehmen.“

Außergewöhnliche Anlässe erfordern außergewöhnliche Kleidung – das gilt nicht minder für das Oktoberfest. Simone Egger vom Institut für Europäische Ethnologie der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München teilt die Kleidung der Wiesn-Besucher in drei Hauptgruppen ein: Eine Kategorie ist Alltags- und Freizeitkleidung – allerdings meist mit einem gewissen Extra versehen. „Oft fallen Kombinationen mit karierten Hemden oder Blusen ins Auge“, sagt Egger. „Aber man sieht auch viele um den Hals gebundene Taschentücher oder andere Accessoires mit alpinem Charakter. Eine weitere große Einheit sind Bierhut-, T-Shirt- und Gruppenoutfit-Träger."

Und last, but not least, sehen wir immer mehr Menschen, die Trachten tragen – Trachten, oder zumindest solche, die als Trachten gelten. Meist handelt es sich dabei um Dirndl und Lederhosen, eine Kombination, die ein breites Verständnis von Trachtenmode repräsentiert. Viel seltener auf dem Oktoberfest getragen werden Trachtenstücke nach historischen Vorbildern. Außer am ersten Festsonntag während des "Trachten- und Schützenzugs", einem Umzug durch München, besuchen viele Menschen in traditioneller Kleidung die Stadt.

Natürlich sind die in den Bierstuben ausschenkenden Damen in der Regel alle angemessen gekleidet – und kommen damit der historischen Bedeutung des „Dirndlgewandes“wohl am nächsten. Schließlich war das „Dirndl“ursprünglich nicht mehr als das Untergewand einer Magd – eines „Dirndls“. Das eigentliche Dirndl mausert sich dann vom Arbeitskittel zum Sommerkleid der gehobenen Damenwelt gegen Ende des 19. Jahrhunderts.

„Das Dirndl als solches repräsentierte ursprünglich eine urbane Sicht auf das Land“, berichtet Egger. „Lederhosen hingegen wurden eigentlich von den Bauern entlehnt und von den bayerischen Königen geadelt. Heute sind Dirndl und Lederhosen ein ‚Wiesn-Phänomen‘, kombiniert zu einem urbanen Festgewand. Man kann es als Paradebeispiel ‚Erfindung der Tradition‘bezeichnen '." Der Schnitt ist bei allen Lederhosen gleich, und auch beim Dirndl gibt es kaum Variationen: Das Kleid ist oben enganliegend und ärmellos, hat unten einen weiten Rock und wird zusammen mit Schürze und Kurzarm getragen Bluse. Die aktuelle Mode sind kurze Lederhosen und tief ausgeschnittene Dirndl.

Trachten gibt es heute in allen erdenklichen Farben, Formen und Materialien. „Es kommt vor allem auf die feinen Unterschiede an“, sagt Egger. „Günstige Modelle geben im Grunde jedem Besucher die Chance, dabei zu sein, und gleichzeitig sind der Qualität, dem Material oder der Rocklänge Grenzen gesetzt.Aber ein teures Dirndl ist nicht „authentischer“als ein billiges Baumwollkleid. Als Kulturwissenschaftler freue ich mich natürlich sehr über die Vielf alt."

Und wahrhaftig, der Fantasie scheinen keine – und erst recht keine historischen – Grenzen gesetzt zu sein: Die aktuelle Mode reicht seit einigen Jahren von schulterfreien „Carmen“-Varianten über die Dirndlbluse bis hin zur Lederhose für Damen. Das Phänomen erinnert ein wenig an das – scheinbar – neu entdeckte Nationalbewusstsein, das die Jugend während der Fußballweltmeisterschaft 2006 förmlich getragen hat. „Die Begeisterung bei diesem Event ist auch mit Identitätsfragen verbunden“, bestätigt Egger. "Aber im Grunde genommen folgte es anderen Mustern. Abgesehen von einer wechselnden Assoziation mit Vergangenheit und Geschichte spielten das Wetter, das Team und eine Reihe anderer Faktoren eine Rolle in diesem speziellen Sommermärchen."

Und es gibt noch einen weiteren Unterschied: Der nationale Rummel um die WM war relativ schnell vorbei, während das Phänomen Wiesn-Tracht weiter eskaliert.Eggers Studie zeigte zum Beispiel, dass Besucher des Oktoberfestes die Verbindung zu Raum und Zeit suchen. Auch oder gerade eine mobile Gesellschaft will Zugehörigkeit zeigen. In Zeiten globaler Vernetzung wird Lokales und Regionales besonders wichtig; und München ist derzeit eine erfolgreiche Stadt mit positivem Image. „Mit dem Oktoberfest hat auch diese Metropole an der Isar ein einzigartiges Ereignis, das weltweit Beachtung findet“, sagt Egger. „Jetzt hat jeder in Dirndl und Lederhose die Chance, Teil des Festes und des Bildes zu sein. Die Wiesn-Tracht ist an den Münchner Habitus gebunden und deutet auf eine spätmoderne Identitätssuche hin. Der Begriff ‚Heimat‘spielt hier eine große Rolle, aber auch ‚Tradition‘und ‚Authentizität‘sind Themen, denen man immer wieder begegnet.“

Folglich zeugt die zunehmende Beliebtheit von Dirndl und Lederhosen auf der Wiesn von dem Wunsch nach Beständigkeit und Verbundenheit – auch wenn es die Wiesn-Tracht selbst noch nicht so lange gibt.Erst Ende der 1960er Jahre warb ein Münchner Bekleidungsgeschäft für ein „schmeichelndes Dirndl“, und 1972 trugen die Hostessen bei den Olympischen Spielen hellblaue Dirndl, was das Korsett-Rock-Kleid sofort zu großer Beliebtheit machte. Seitdem ist das Phänomen in Wellen zurückgekehrt. Der aktuelle Modetrend der Wiesn-Tracht begann um das Jahr 2000. Aber die Entscheidung, traditionelle Kleidung zu tragen, scheint mehr als nur ein Modetrend zu sein und deutet auf tiefere Stimmungen in der Bevölkerung hin. Und was hält der Münchner Ethnologe persönlich von der Wiesn-Tracht? „Ich gehe sehr gerne aufs Oktoberfest“, sagt Egger. „Aber selten im Dirndl. Ich bin so tief in das Thema vertieft, dass ich lieber etwas Abstand h alte.“

Referenz: „Phänomen Wiesntracht. Identitätspraxen einer urbanen Gesellschaft – Dirndl und Lederhosen, München und das Oktoberfest“. Simone Egger, (Münchner Ethnographische Schriften, 2). Herausgegeben vom Institut für Volkskunde/Europäische Ethnologie der Ludwig-Maximilians-Universität München.Herbert Utz Verlag, München, 2008

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